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Nachhaltiges Bauen ist eines der zentralen Themen, wenn es um die zukünftige Gestaltung von Innenstädten und Ballungsgebieten geht: Angesichts von Erderwärmung und Klimakrise ist es wichtiger denn je, die Auswirkungen von Baumassnahmen auf Ökosysteme und die Umwelt so gering wie möglich zu halten. Das betrifft nicht nur das Bauen selbst, sondern auch die anschliessende Nutzung der Gebäude – sei es als Wohn- oder Geschäftsgebäude.

Im folgenden Ratgeber erfahren Sie, welche Aspekte nachhaltiges Bauen umfasst, welche konkreten Vorteile damit einhergehen und welche Möglichkeiten es gibt, ein Gebäude nachhaltig zu bauen.

Was ist nachhaltiges Bauen und welche Ziele werden damit verfolgt?

Nachhaltigkeit im Bauwesen zielt in erster Linie darauf ab, die Umwelt und natürlichen Ressourcen zu schützen. Das beschränkt sich nicht nur auf die Bauphase, sondern auf den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes: Es bringt schliesslich wenig, wenn ein Gebäude zwar vollständig aus nachwachsenden und abbaubaren Rohstoffen besteht, aber nur einige Jahre genutzt werden kann oder eine ungenügende Energiebilanz aufweist.

Zudem bezieht sich Nachhaltigkeit beim Bauen nicht nur auf ökologische, sondern auch auf ökonomische und soziokulturelle Aspekte. Diese Aspekte stehen gleichberechtigt nebeneinander. Das heisst, dass sie idealerweise zu gleichen Anteilen in die Planung und Umsetzung von Neubau- und Sanierungsprojekten einfliessen sollten:

Dimension nachhaltigen BauensZielUmsetzung
Ökologische Dimension• Umwelt- und Artenschutz
• minimale Auswirkungen auf das Ökosystem
• verantwortungsvoller Einsatz nachwachsender Rohstoffe und natürlicher Ressourcen
• Nutzung von recyclebaren oder rückstandslos abbaubaren Rohstoffen
Ökonomische Dimension• Reduzierung der Betriebskosten und Verbesserung der Wirtschaftlichkeit• langlebige Baustoffe und Technologien
• energieeffiziente Heizung und Warmwasserversorgung
• Passivbauweise, Effizienz- und Plusenergiebauweise
• energieeffiziente Isolierung (Wärmedämmung und Hitzeschild durch Dach- und Fassadenbegrünung)
• Regenwassermanagement (als Nutzwasser)
• natürliche Luftströme im Gebäude, die Klimaanlage ersetzen
Soziokulturelle Dimension• Förderung von Lebensqualität sowohl im Gebäude als auch in Innenstädten und Ballungsgebieten• sichere, funktionelle und gesundheitsfördernde Gestaltung („Grüne Architektur“)
• Begrünung an Fassaden und auf Dächern für klimaneutrales Wohnen und Luftverbesserung in Innenstädten

Ökologisches bzw. alternatives Bauen ist in der Architektur schon seit den 1970er-Jahren ein Thema. Allerdings standen bisher dabei ausschliesslich die Auswirkungen von Bauvorhaben auf Umwelt und Ökosysteme im Mittelpunkt. Ökonomische und soziokulturelle Aspekte wurden bisher weniger berücksichtigt und finden erst im Konzept des nachhaltigen Bauens volle Beachtung.

Welche Möglichkeiten gibt es, umweltfreundlich zu bauen?

Die Anforderungen, die an Gebäude und Bauwerke der Zukunft gestellt werden, sind hoch: Um wirklich nachhaltig zu bauen, müssen also von Anfang an der Ressourcen- und Energiebedarf des Gebäudes im Mittelpunkt stehen. Hier gilt es, sowohl für Rohstoffe und Baumaterialien als auch für die Energieversorgung des Gebäudes umweltfreundliche Lösungen zu finden.

1. Geeignete Baustoffe für nachhaltiges Bauen

Für nachhaltiges Bauen ist es wichtig, dass die Baustoffe aus natürlich vorkommenden Ressourcen gewonnen werden. Dazu zählen zum Beispiel Holz, Lehm, Sand und Kalk, aber auch Dämmstoffe aus Hanf, Wolle oder Holzfasern.

Das allein reicht allerdings noch nicht aus: Die verwendeten Baumaterialien müssen in umweltschonenden Verfahren hergestellt bzw. verarbeitet werden und in ausreichendem Masse vorhanden sind oder zumindest schneller nachwachsen als sie verbraucht werden. Faktoren wie Lebensdauer, Transportwege und Recycling spielen bei der nachhaltigen Rohstoffgewinnung ebenfalls eine Rolle: Im Optimalfall stammen die Baustoffe für ein Bauprojekt aus der Region, zeichnen sich durch eine lange Haltbarkeit aus und können bei einem späteren Rückbau des Gebäudes als Baustoffe wiederverwendet werden.

2. Die Energiebilanz nachhaltiger Gebäude

Eine wichtige Säule für die Nachhaltigkeit eines Gebäudes ist die klimaneutrale Energieversorgung. Dafür wird einerseits der Energiebedarf im Vergleich zu Altbauten deutlich gesenkt (z. B. durch verbesserte Dämmung), andererseits werden die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass das Gebäude selbst Energie erzeugen kann (z. B. durch Solarzellen oder eine Wärmerückgewinnungstechnologie). Idealerweise wird damit im Jahresdurchschnitt exakt so viel oder sogar mehr Energie erzeugt, wie für den Betrieb des Gebäudes gebraucht wird.

Je nachdem, wie viel der benötigten Energie aus regenerativen Energiequellen stammt, werden die Gebäude in verschiedene Energieeffizienzklassen eingeteilt:

  • Niedrigenergiehaus: Der Energiebedarf ist im Vergleich zu den in der Energieeinsparverordnung festgelegten Anforderungen deutlich gesenkt.
  • Passivhaus: Die verbrauchte Energie stammt grösstenteils oder vollständig aus passiven (im Haus verbauten) Wärmequellen.
  • Nullenergiehaus: Der Energiebedarf wird vollständig durch die vom Haus erzeugte Energie gedeckt.
  • Plusenergiehaus: Die Menge der erzeugten Energie übertrifft den Eigenbedarf des Hauses.

Um die autarke Energiegewinnung und -versorgung zu gewährleisten, muss die Architektur eines nachhaltigen Gebäudes ganz besondere Anforderungen erfüllen:

  • starke Dämmung und Isolierverglasung für hohen Wärmeschutz
  • kompakte Bauweise zur Vermeidung von Wärmebrücken
  • grosse Fenster- und Dachflächen nach Süden für die optimale Nutzung der Sonneneinstrahlung
  • Photovoltaikzellen auf dem Dach und an der Fassade oder als transparente Module in den Fenstern für den Betrieb der Solaranlage
  • weitgehend luftdichte Bauweise ermöglicht Wärmerückgewinnung
  • Luft- und Wassererwärmung durch Solarenergie oder Erdwärmetauscher bzw. Wärmepumpe
  • offene Bauweise im Innern für optimale Luftzirkulation

Besonders dämmfähige und wärmespeichernde Baustoffe sowie eine kompakte Bauweise halten den Wärmeverlust auf geringstem Niveau. Gleichzeitig muss die Architektur die Installation und den optimalen Einsatz verschiedener energieerzeugender Anlagen unterstützen.

3. Der Park auf dem Dach – „Grüne Architektur“

Unter dem Stichwort „Grüne Architektur“ oder „Grünes Bauen“ geht es darum, Betonwüsten in den Innenstädten zu vermeiden bzw. durch Begrünung aufzulockern: Anstelle der individuellen Balkonbepflanzung tritt eine grossflächige Dach- und Fassadenbegrünung, die beim nachhaltigen Bauen ein Teil der Gebäudearchitektur ist. Das sorgt nicht nur für schöne Farbtupfer, sondern hilft nachweislich dabei, das Klima und die Wohnqualität in den Städten zu verbessern:

  • Schatten im Sommer, Wärmedämmung im Winter
  • Speicherung von Regenwasser
  • Verdunstung sorgt für angenehme Luftfeuchtigkeit und bindet Feinstaub
  • kühlere Umgebungstemperatur
  • Reinigung der Luft, da CO2 in Sauerstoff umgewandelt wird
  • Geräuschdämmung und Blickschutz
  • Lebensraum für Insekten und Vögel
  • entspannende Wirkung für Anwohner

Zertifizierung nachhaltiger Gebäude

Unterstützt wird das nachhaltige und umweltfreundliche Bauen vom Netzwerk Nachhaltiges Bauen Schweiz (NNBS).

Mit dem Standard Nachhaltiges Bauen Schweiz SNBS Hochbau können Bauherren ihr Vorhaben von unabhängiger Stelle zertifizieren lassen. Unterstützung bietet dabei die entsprechende Zertifizierungsstelle. Zu den Bauten, die zertifiziert werden können, gehören Wohn-, Verwaltungs- und Bildungsgebäude. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um Neubauten oder bestehende Gebäude handelt.

Im Leitfaden „Landkarte Standards und Labels“ liefert das NNBS zudem eine Übersicht über die aktuellen Standards und Labels für nachhaltiges Bauen in der Schweiz und bietet Hilfestellung bei der Entscheidung, welcher Standard bzw. welches Label für das jeweilige Bauprojekt geeignet sind.

FAQ zum nachhaltigen Bauen

Was ist nachhaltiges Bauen?

Nachhaltiges Bauen berücksichtigt ökologische, ökonomische und soziokulturelle Aspekte über den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes. Dafür wird auf nachwachsende und wiederverwendbare Rohstoffe, energieeffiziente Anlagentechnik und „Grüne Architektur“ gesetzt. Alle Aspekte fliessen von Beginn an in die Planung ein und beeinflussen Materialauswahl, Bauweise und Gestaltung des Bauvorhabens.

Warum ist umweltfreundliches Bauen wichtig für die Zukunft?

Der sparsame und verantwortungsvolle Umgang mit natürlichen Ressourcen und die Reduzierung des Energieverbrauchs kommen der Umwelt zu Gute. Gleichzeitig lassen sich die Folge- und Betriebskosten (für Heizung, Kühlung, Strom und Warmwasser) deutlich reduzieren und die Wohn- und Lebensqualität in den Städten auf lange Sicht verbessern.

Welche Herausforderungen gibt es beim nachhaltigen Bauen?

Die grösste Herausforderung ist die Finanzierung, denn die Planungs- und Baukosten sind im Vergleich zur herkömmlichen Bauweise relativ hoch. Um ein Gebäude wirklich nachhaltig zu bauen, ist zunächst eine grössere Investition nötig, die sich allerdings auf lange Sicht durch beträchtliche Einsparungen bei Betriebs- und Folgekosten bezahlt macht.

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