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Handwerklich-technische Berufe wie Tischler, Maurer, Zimmerer oder Auto-Mechaniker gelten seit vielen Jahrzehnten als typische „Männerberufe“. Obwohl diese Anschauung heute vielfach als veraltet gilt, ist der Anteil von Frauen in technisch ausgerichteten Handwerksberufen nach wie vor deutlich geringer als der ihrer männlichen Kollegen. Das bestätigen auch diverse Statistiken, wie beispielsweise die des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH) über Frauen im Handwerk oder der Handwerks-Beschäftigungsindex von Jungheinrich PROFISHOP.

Im Folgenden erfahren Sie, wie die Berufssituation für Frauen im Handwerk aktuell aussieht, welche Berufseinstiegschancen sich für Frauen in technischen Berufen ergeben und was Handwerksbetriebe tun können, um ihre Unternehmen für weibliche Auszubildende und Handwerkerinnen attraktiv zu machen.

Männer und Frauen im Handwerk – wer arbeitet in welchen Berufen?

Laut der genannten Studienergebnisse machen weibliche Handwerksgesellinnen, technische Facharbeiterinnen oder Meisterinnen (Diplom-Handwerkerinnen) nur knapp ein Fünftel aller Handwerker aus. Bei der operativen Belegschaft in Handwerksbetrieben sieht das jedoch ganz anders aus: Hier werden fast 70 % aller Jobs von Frauen ausgeführt, wie etwa in der Buchhaltung, der Bürowirtschaft oder im Controlling. In diesen Berufen sind es laut der Studien vor allem auch die guten Verdienstmöglichkeiten und die Weiterbildungsoptionen, die diese Jobs für Frauen attraktiv machen. Ein positiver Trend zeigt sich jedoch auch bei der Unternehmensführung und -gründung im Handwerk: Bereits heute werden schon 20 % der Handwerksbetriebe durch Frauen geleitet.

In unserem Beschäftigungsindex für handwerklich-technische Berufe in der DACH-Region finden Sie beispielhaft anhand der Handwerksberufe Zimmerer, Metallbauer, Maurer, Elektroniker und Fachkraft für Lagerlogistik weitere Daten zum Frauenanteil, zur Ausbildungssituation und zu Verdienstmöglichkeiten.

Warum sollten Frauen in Handwerksberufen arbeiten?

Nicht zuletzt aufgrund des Fachkräftemangels und vieler unbesetzter Lehrstellen sind gerade im Handwerk und in technischen Berufen die Einstiegschancen für Frauen sehr gut. Doch es gibt noch weitere Gründe, warum Frauen über die Arbeit in einem Handwerksberuf nachdenken sollten:

  • Zukunftssicherer Job: Der Handwerksbranche in der Schweiz geht es blendend. Das hat für fast alle Gewerke volle Auftragsbücher zur Folge – und für Handwerkerinnen einen sicheren Arbeitsplatz.
  • Abwechslungsreicher Arbeitsalltag: Berufe im Handwerk erfordern entgegen gängiger Klischees oftmals mehr als nur eintönige Handarbeit. Tatsächlich sorgen die Arbeit mit Kunden, die Produktionsplanung oder auch der Umgang mit herausfordernden Projekten für Abwechslung bei der täglichen Arbeit.  
  • Gute Karrierechancen: Auch in der Handwerksbranche bieten sich Arbeitnehmerinnen viele Möglichkeiten, auf der Karriereleiter nach oben zu klettern. Durch Fortbildungen zur Diplom-Handwerkerin oder Technikerin können Frauen hier zu gefragten Spezialistinnen in ihrem Gewerk werden – bis hin zur Managerin oder Gründerin eines eigenen Handwerksbetriebs.
  • In familienfreundlichen Unternehmen arbeiten: Vor allem kleine Handwerksbetriebe sind häufig von einer familiären Arbeitsatmosphäre geprägt, bei der die Bedürfnisse der einzelnen Mitarbeiter im Vordergrund stehen. Für Handwerkerinnen mit Familie lassen sich in so einem Arbeitsumfeld die beruflichen Anforderungen und privaten Bedürfnissen besser miteinander vereinbaren.
  • Schweizweit arbeiten: Während manche Berufsgruppen oder Branchen nur in einer bestimmten Region vorhanden sind, gibt es für Handwerkinnen auch schweizweit attraktive Jobangebote. Dass man für die Arbeit nicht umziehen muss, sondern auch vor der eigenen Haustür den Traumjob findet, ist für heimatverbundene Frauen ein grosser Vorteil.  

Trendwende bei der Ausbildung – der Weg zu technischen Berufen für Frauen

Waren bisher als „kreative Handwerksberufe für Frauen“ betrachtete Jobs wie Schneiderin, Goldschmiedin oder Augenoptikerin bei Frauen gefragt, sind mittlerweile auch immer mehr typische „Männerberufe“ beliebt: Gewerke wie Dachdecker, Maler oder Zimmerer ziehen zunehmend weibliche Auszubildende an. Das hat dazu geführt, dass in den letzten 15 Jahren mehr Ausbildungsstellen im Handwerk durch Frauen besetzt werden konnten.

Die Tabelle zeigt die Beliebtheit verschiedener Ausbildungsberufe bei männlichen und weiblichen Auszubildenden:

Ausbildungsberufeweibliche Auszubildende*männliche Auszubildende*
Friseur14.8585.036
Büro-Manager7.1162.525
Zahntechniker3.0092.356
Tischler2.35515.660
Auto-Mechatroniker2.35061.537
Maler und Lackierer2.17012.087
Konditor3.226787
*gemäss ZDH-Studie von 2019

Obwohl auch hier die Aufteilung nach „Frauenberufen“ (z. B. Friseur) und „Männerberufen“ (z. B. Auto-Mechatroniker) noch deutlich zu erkennen ist, gibt es für andere Berufe im Handwerk bereits eine Trendwende. Die Zahlen der ZDH von 2019 zeigen deutlich, dass sich sogar regelrechte Favoriten unter den Handwerksberufen etablieren konnten: So nahm der Anteil weiblicher Auszubildender in Gewerken wie

  • Konditor um 20 %,
  • orthopädischer Schuhmacher bzw. Techniker um 15 % und
  • Raumausstatter um 10 % zu.

Die Bemühungen von Betrieben und Ausbildungsstätten, Handwerksberufe für Frauen noch attraktiver zu machen, können hier in Zukunft für noch mehr Durchmischung bei den Handwerksberufen sorgen. Wie Sie diesen Prozess als Betriebseigner aktiv vorantreiben können, erfahren Sie im Folgenden.

Mit diesen Tipps erhöhen Sie den Frauenanteil in Ihrem Handwerksunternehmen

Umfragen zeigen, dass durch Frauen in Handwerkerpositionen oftmals die Betriebsatmosphäre positiver wahrgenommen wird. Nicht zuletzt sind Handwerksbetriebe mit einem hohen Anteil an Handwerkerinnen auch ein positives Signal für Kunden: Diese bewerten in Studien Handwerksbetriebe mit weiblichen Fachkräften als modern und fortschrittlich. Auch das ist für Handwerksbetriebe ein Signal dafür, proaktiv etwas für mehr weibliche Auszubildende in Handwerksberufen zu tun.

So gestalten Sie ihren Handwerksbetrieb attraktiver für weibliche Bewerber:

  1. Progressive Unternehmenskultur

    Spott von männlichen Kollegen oder Kunden, die Handwerkerinnen nichts zutrauen: Wenn weibliche Auszubildende in einem Handwerksbetrieb befürchten müssen, dass ihre Fähigkeiten und Bedürfnisse per se immer als minderwertiger betrachtet werden, als die ihrer männlichen Kollegen, macht das einen Ausbildungsberuf im Handwerk nicht gerade attraktiv. Als Betriebsinhaber sollten Sie deshalb ein faires Arbeitsklima kultivieren und dabei auch selbst mit gutem Beispiel vorangehen. Dazu gehört z. B., dass Sie weibliche Auszubildende weder benachteiligen noch bevorzugen, Werte für ein respektvolles Miteinander etablieren und auch gegenüber Ihren Kunden deutlich machen, dass Sie ausschliesslich kompetente Mitarbeiter beschäftigen – unabhängig vom Geschlecht.

  2. Angepasste Stellenausschreibung

    Studien verschiedener Personalvermittlungsagenturen zeigen, dass Frauen Stellenausschreibungen anders lesen als Männer: Während männliche Arbeitssuchende den Fokus vor allem darauf legen, was ihnen der Arbeitgeber bieten kann, schauen Frauen eher, welche Qualifikationen erwartet werden – und fragen sich entsprechend häufiger, ob sie diese auch erfüllen können. Um weibliche Auszubildende nicht von vornherein abzuschrecken, sollten Sie Ihre Stellenausschreibungen daher nicht mit kleinteiligen Leistungsanforderungen überfrachten, sondern sich nur auf die wesentlichen beschränken. Gleichzeitig sollten Sie Ihre Unternehmenswerte und Ihre faire Unternehmenskultur in den Vordergrund stellen.  

  3. Automatisierte und digitalisierte Technik zur Unterstützung bei körperlich anspruchsvollen Tätigkeiten

    In vielen Handwerksberufen ist neben Fingerfertigkeit und technischem Verständnis nicht selten auch eine gute Portion Muskelkraft gefragt – etwa, wenn schweres Gerät, Rohstoffe oder Werkzeuge bewegt werden müssen. Mit modernen Arbeitsmittelnwie etwa Elektro-Hubwagen oder Hebezeugen unterstützen Sie Ihre Mitarbeiterinnen und tragen ausserdem zum Arbeitsschutz bei. Ein positiver Nebeneffekt: Von der modernen und effektiven Arbeitsplatzausstattung profitieren alle Mitarbeiter in Ihrem Betrieb.

  4. Gleichberechtigte Löhne

    Laut des Bundesamtes für Statistik verdienen Frauen durchschnittlich immer noch 19,6 % weniger als ihre männlichen Kollegen. Das betrifft auch viele Handwerksberufe. Um Ihr Handwerksunternehmen für weibliche Auszubildende und Fachkräfte attraktiver zu machen, sollten Sie deshalb auf Gleichberechtigung bei der Entlohnung setzen: Machen Sie die Lohnstruktur für alle Mitarbeiter transparent und vergeben Sie auch Sonderzahlungen und Boni nicht nach Geschlecht – sondern ausschliesslich nach Leistung.

  5. Den Einstieg so einfach wie möglich machen

    Bieten Sie Praktika, Betriebsführungen oder Probearbeitstage an, um die Hemmschwelle für weibliche Auszubildende möglichst niedrig zu halten. So können die jungen Frauen nicht nur ein besseres Bild von Ihrem Betrieb und den Aufgaben des Berufs gewinnen: Schnupperangebote nehmen auch die Angst und Vorurteile vor technischen bzw. traditionell männlich besetzten Berufen – und leisten bei der Wahl eines Ausbildungsplatzes im Handwerk vielleicht die noch nötige Überzeugungsarbeit.

Förderinitiativen für mehr Frauen im Handwerk

Das Entwicklungspotential und die Karrierechancen sind für Frauen in Handwerksberufen ausgezeichnet. Jedoch sind oftmals Anreize notwendig, damit Frauen vor vermeintlich typischen Männerberufen die Scheu genommen und der Einstieg erleichtert wird. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass sich Handwerksfirmen mit einem gendersensiblen Image – jenseits veralteter Stereotypen – präsentieren. 

Dazu unterstützen in Deutschland neben dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales auch diverse Institutionen und Verbände weibliche Nachwuchskräfte bei der Berufswahl, wie zum Beispiel der ZDH oder das Institut für Betriebsführung. Bei Mädchen und jungen Frauen soll bereits während der Schulzeit das Interesse für handwerklich-technische Berufe geweckt werden, indem beispielsweise ein besonderer Fokus auf Fächer wie Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik (MINT-Fächer) gelegt wird. Durch die Initiativen erhalten auch Eltern, Lehrer und Erzieher Materialien und Hilfestellungen an die Hand.

Beispiele bekannter Initiativen zur Förderung von Mädchen und Frauen im Handwerk:

  • Girls Day: Mädchenzukunftstag (ab Klasse 5) zur technischen Berufsorientierung in ganz Deutschland
  • Klischee frei: Initiative zur Berufs- und Studienwahl abseits von Geschlechterklischees in Deutschland
  • Komm, mach MINT: deutschlandweite Netzwerk-Initiative für MINT-Studiengänge und -Berufe
  • #frauenkönnenhandwerk: deutschlandweite Kampagne über erfolgreiche Handwerkerinnen auf Plakaten, Postkarten sowie online

FAQ zu Frauen im Handwerk

Wie viele Frauen arbeiten im Handwerk bzw. wie gross ist ihr Anteil?

Laut statistischen Angaben der ZDH beträgt der Frauenanteil in handwerklichen Berufen in Deutschland insgesamt 36 %. Werden die Gewerke nach Gewerbegruppen aufgeteilt, so findet sich der höchste Anteil weiblicher Fachkräfte bei personenbezogenen Dienstleistungen mit 81 %. Im Anschluss folgen Lebensmittel- und Gesundheitsbereiche mit 66 % und 60 %. Im Baugewerbe sind es dagegen nur 10 %. Schaut man direkt in die Handwerksbetriebe zeigt sich, dass rund 70 % der Frauen als kaufmännische Fachkräfte tätig sind. Als Gesellinnen oder Diplom-Handwerkerinnen arbeiten hingegen jeweils nur knapp 20 %.

Sind Handwerksberufe für Frauen körperlich zu anstrengend?

Grundlegend kann diese Frage mit nein beantwortet werden. Es gibt viele technische Hilfsmittel, die körperlich schwere Tätigkeiten unterstützen und so den Körper entlasten. Ausserdem tragen automatisierte und digitalisierte Arbeitsabläufe dazu bei, dass physiologische Unterschiede ausgeglichen werden können. Auch wenn für bestimmte Handwerksberufe eine gewisse körperliche Fitness notwendig ist, spielt es prinzipiell keine Rolle, ob das Gewerk von einer Frau oder einem Mann ausgeübt wird.

Welche Kampagnen oder Initiativen fördern Frauen in Handwerksberufen?

Das deutsche Bundesministerium für Arbeit und Soziales hat unterschiedliche Initiativen ins Leben gerufen, um Frauen in handwerklich-technischen Berufen zu fördern. Dazu unterstützen in Deutschland diverse Institutionen und Verbände weibliche Nachwuchskräfte bei der Berufswahl. Am bekanntesten ist dabei die Initiative „Girls Day“ der Bundesregierung und ZDH. Mädchen ab der fünften Klasse und junge Frauen werden dadurch bereits während der Schulzeit angesprochen und das Interesse für handwerklich-technische Berufe geweckt.

Daneben setzt sich die bundesweite Initiative „Komm, mach MINT“ für mehr Frauen in MINT-Studiengängen und -berufen ein. „Klischee frei“ ist eine weitere Kampagne zur Studien- und Berufswahl, die veraltete Rollenbilder im Handwerk in Frage stellt. Darüber hinaus werden erfolgreiche Handwerkerinnen und Fachexpertinnen in der bundesweiten Kampagne „#frauenkönnenhandwerk“ beispielhaft vorgestellt.

Bildquellen:
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